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Salome: A Gripping Psychological Drama in a Great Cast

Salome
Musikdrama in einem Aufzug
nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung
Text und Musik von Richard Strauss

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)
Premiere im Opernhaus Wuppertal am 17. April 2015

Packendes Psycho-Drama in großartiger Besetzung

Als Toshiyuki Kamioka vor einem Jahr als designierter Opernintendant der Wuppertaler Bühnen den Spielplan für die Spielzeit 2014/2015 bekannt gab, verkündete er noch großmundig, alle Opernproduktionen mit Ausnahme des Don Giovanni selbst zu dirigieren. Seitdem ist in Wuppertal sehr viel passiert, und ab der Spielzeit 2016/2017 muss sowohl das Amt des Generalmusikdirektors als auch das Amt des Opernintendanten neu besetzt werden. Während sich das Bewerberfeld für den zweiten Posten schon etwas gelichtet haben soll - es wird gemunkelt, dass bereits Ende April 2015 Kamiokas Nachfolger als Opernintendant feststehe -, scheint die Auswahl für den zukünftigen Generalmusikdirektor noch etwas größer zu sein. So treten für die insgesamt sechs geplanten Vorstellungen der Salome auch sechs Kandidaten an, die sich um die Nachfolge beworben haben, und Kamioka selbst ist in dieser Produktion gar nicht am Dirigentenpult zu erleben. Deshalb dürfte jede Aufführung schon allein aufgrund eines neuen musikalischen Leiters jeweils eine ganz andere Note bekommen. Die Inszenierung von Michiel Dijkema jedenfalls ist so packend, dass man sich diese Produktion durchaus häufiger anschauen will, um dabei auch die unterschiedlichen Handschriften der Dirigenten kennen zu lernen.

Salome (Cristina Baggio) ist fasziniert von Jochanaan (Thomas Gazheli, unten). Narraboth (Emilio Pons, oben) schaut leidend zu.

Dijkema fungiert dabei auch als Bühnenbildner und hat für die Inszenierung einen relativ abstrakt gehaltenen Raum konzipiert, bei dem der fatale Mond und die dunkle Zisterne, in der Jochanaan gefangen gehalten wird, in Wechselwirkung stehen. Der Mond scheint wie eine Art weißer Schlund aus dem Bühnenbild genauso in einer Wölbung nach oben zu führen, wie das Verlies als eine Art schwarzes Loch in den Bühnenboden hineinführt. Während das dunkle Loch am Boden von relativ hellen Farben umgeben ist, prangt der im weißen Licht glänzende Mond an einem wesentlich dunkleren Himmel. Die Lichtregie von Nikolaus Vögele leistet ebenfalls ihren Beitrag dazu, die gespenstische Atmosphäre der Bühne zu unterstützen. Ob nun die beiden Treppen auf der linken und rechten Seite, die als Gerüste relativ kahl gehalten sind, unbedingt vonnöten sind, ist sicherlich diskutabel, da sie einerseits das Farbspiel der Bühne beeinträchtigen. Andererseits ermöglichen sie allerdings der absolut agilen Cristina Baggio in der Titelpartie mehr Spielraum als eine leere Bühne. So zeigt sie nicht nur akrobatischen Körpereinsatz, wenn sie über das Geländer klettert, sondern nutzt es auch, um ihre weiblichen Reize zur Geltung zu bringen.

Herodes (Michael Hendrick) fleht seine Stieftochter Salome (Cristina Baggio, Mitte links) an, für ihn zu tanzen. Herodias (Dubravka Mušović) sieht dem Treiben unwillig zu.

Überhaupt erweist sich Baggio darstellerisch und stimmlich als Glücksgriff für die anspruchsvolle Partie der Salome. Ihr Sopran verfügt über zahlreiche Schattierungen und überzeugt in den dramatischen Höhen ebenso wie in kräftigen Tiefen, auch wenn sie nicht immer sehr textverständlich ist. Aber dafür gibt es ja mittlerweile Übertitel. Optisch stellt sie eine Femme fatale dar, bei der es durchaus nachvollziehbar ist, dass sie ihren Stiefvater um den Verstand bringt. Auch Jochanaan scheint Schwierigkeiten zu haben, den Reizen dieser Frau zu widerstehen, so dass er sie umso heftiger von sich weisen muss und dabei natürlich ihre Gefühle so stark verletzt, dass sie mit dem berühmten Schleiertanz bis zum Äußersten geht. Dijkema setzt mit seinem Choreographen Matthew Tusa bei der Inszenierung des Schleiertanzes nicht nur auf pure Erotik, sondern macht auch deutlich, wie Salome ihr ganzes Umfeld bei diesem Tanz in ihren Bann zieht. So verführt sie dabei nicht allein Herodes, sondern bezieht auch die Juden und Nazarener in den ekstatischen Tanz mit ein. Dabei beweist Baggio durch laszive Bewegungen, dass sie durchaus etwas von knisternder Erotik versteht, wobei es allerdings keine Schleier sind die fallen. Stattdessen entledigt sie sich nicht nur auf geschickte Weise ihres weißen aufwendigen Kleides, sondern raubt auch ihrem Stiefvater den voluminösen Fellmantel und entblößt ihre Mutter Herodias, indem sie ihr das Kleid vom Leibe und die Perücke vom Kopf reißt.

Salome (Cristina Baggio, Mitte) reißt mit ihrem Tanz die Massen (Ensemble) mit (auf der linken Seite: Herodias (Dubravka Mušović) und Herodes (Michael Hendrick)).

Auch die übrigen Partien sind gut besetzt. Emilio Pons gibt den Narraboth mit silbrigem Tenor und macht mit intensivem Spiel deutlich, wie sehr dieser Hauptmann der verführerischen Salome verfallen ist. Dabei zeichnet ihn auch in den Höhen eine saubere Diktion aus. Wenn er sich dann aus Verzweiflung das Leben nimmt, weil er Salomes Verhalten Jochanaan gegenüber nicht mehr ertragen kann, geht die Szene unter die Haut. Lucie Ceralová stattet den Pagen der Herodias, der dem Hauptmann in mehr als nur freundschaftlicher Liebe zugetan ist, mit warm-timbriertem Mezzo aus. Eindringlich warnt der Page den geliebten Hauptmann zwar vor der Gefahr, die von Salome ausgeht, ist allerdings später beim Schleiertanz auch nicht in der Lage, sich der Faszination dieser Frau zu entziehen. Gleiches gilt für die Juden und Nazarener, die als streitbare Masse dem König Herodes zwar gewaltig zusetzen, bei Salomes Tanz aber genauso zum Spielball werden wie der Page, der zu diesem Zeitpunkt scheinbar die Trauer um den Hauptmann schon hinter sich gelassen hat.

Herodes (Michael Hendrick) und Herodias (Dubravka Mušović, Mitte) beobachten angewidert Salome (Cristina Baggio, rechts) mit dem Kopf des Jochanaan.

Thomas Gazheli punktet als Jochanaan mit kräftigem Bariton, der in den Höhen eine enorme Durchschlagskraft und Bedrohlichkeit entwickelt. Besonders beeindruckend klingen seine Warnungen, wenn er nur aus dem schwarzen Loch aus der Bühne zu hören ist, was seiner Stimme einen unheimlichen Hall verleiht. Herodes und Herodias sind mit Michael Hendrick und Dubravka Mušović ebenfalls hochkarätig besetzt. Mušović stattet die Herodias mit einem dramatischen Mezzo aus und macht darstellerisch deutlich, wie zerrüttet das Verhältnis zu ihrem Mann aufgrund ihrer ganzen Vorgeschichte ist und wie sehr sie das Verhalten ihrer Tochter während des Tanzes missbilligt. Hendrick gibt den König Herodes mit extrovertiertem Spiel und in den Höhen funkelndem Tenor. Die Hörigkeit seiner Stieftochter gegenüber setzt er dabei absolut glaubwürdig um. Ebenso überzeugend gelingt ihm die Fassungslosigkeit am Ende, mit der er dann die Hinrichtung Salomes anordnet. Ari Rasilainen gibt am Pult des Sinfonieorchesters Wuppertal eine gute Empfehlung ab, auch wenn er mit den Musikern einen etwas glatteren und weniger nervös sirrenden Zugang wählt, der der Dramatik des Stückes allerdings keineswegs abträglich ist. So gibt es am Ende frenetischen Applaus für alle Beteiligten, mit dem das Wuppertaler Publikum nach dem kontrovers diskutierten Parsifal vielleicht auch unterstreicht, welche Art Inszenierungen es eigentlich sehen möchte.

FAZIT

Michiel Dijkema gelingt eine absolut spannende Umsetzung dieses Psycho-Dramas mit einem hervorragenden Solisten-Ensemble. Die orchestrale Umsetzung dürfte bei den Folgevorstellungen spannend werden, da sich in jeder Aufführung ein anderer Kandidat für den Posten des Generalmusikdirektors vorstellt, der sich natürlich mit seinem Dirigat auch für dieses Amt empfehlen möchte.

Thomas Molke, OMM - Online Musik Magazin
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