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Salome: Wuppertal

Nach dem ambitiösen und deshalb umstrittenen Parsifal feierte das Wuppertaler Publikum die neue „Salome“ mit einhelligem Beifall. Nicht nur in Hinsicht auf die musikalische Umsetzung kam das Publikum auf seine Kosten, auch das Regieteam erhielt in der Premiere viel Applaus. Anders als der Regisseur des Wuppertaler Parsifals, Thilo Reinhard, in seiner Berliner „Salome“ betonte Michiel Dijkema den vorgegebenen Spannungsbogen und legte besonderen Wert auf genaue und nachvollziehbare Personenführung, bezog aber hierbei auch neue Sichtweisen im Detail ein.

In überwältigendem Blau zeigt sich die Bühne beim Öffnen des Vorhanges, rechts drüber der Mond. Links unten ein schwarzes Loch mit beachtlichem Tiefgang und mühsamen Einstieg. Dazu zwei Treppen, eine führt über einen Steg in den Festsaal. In diesem Ambiente spielt sich alles ab.


Dass der Hauptmann Narraboth und der Page ein Paar sind, wird von Anfang an betont, umso stärker erscheint deshalb Narraboths Hinwendung zu Salome, die offenbar von seiner Verliebtheit weiß und sie auch durch körperlichen Kontakt ausnutzt. In ebensolcher Weise bedrängt sie auch den Propheten, der dies mehrfach geschehen lässt, wohl auch genießt, bevor er sich dann doch wieder besinnt und sich fast gewaltsam von ihr losreißt. Die beiden Soldaten sind in dieser Szene hilflos, wissen nicht, ob sie eingreifen sollen; einerseits fürchten sie die Stärke Jochanaans, andererseits die erotische Aggressivität Salomes.


Narraboths Selbstmord interessiert Salome wenig; Nachdem Jochanaan sie zurückgewiesen hat und in sein Gefängnis zurückgekehrt ist, ist sie nicht nur enttäuscht, sondern verzweifelt. Gleichzeitig scheint sie einen Entwicklungssprung zu machen vom mit der Liebe spielenden jungen Mädchen, das auch sonst alles bekommen hat, was sie wollte, zur abgewiesenen Frau. Auf die Idee, Jochanaan den Kopf abschlagen zu lassen, um ihn doch zu erreichen, kommt sie wohl erst, als sie in das Blut des toten Narraboth fasst.


Das verändert auch ihr Verhältnis zu ihrem Stiefvater Herodes, dessen Avancen sie lange mit Ekel zurückweist. Erst als er ihr für ihren Tanz einen Wunsch erfüllen will und darauf einen Eid schwört, ändert sich ihr Verhalten sofort und konsequent, und keiner begreift, warum sie das tut. Auch während des Tanzes wird dies noch nicht klar. Dafür hat sich der Regisseur der Hilfe des Choreographen Matthew Tusa versichert. Wirkt der Tanz am Anfang noch etwas statisch, verlebendigt er sich im weiteren Verlauf ungemein, weil Salome alle Anwesenden mit einbezieht: zuerst die Soldaten, dann den Jüngeren der Jesus bewundernden Nazarener, der erst von seinem älteren Begleiter von diesem sündigen Tun erst gerettet wird, bevor dieser dann selbst mitmacht und von Salome besonders gern berührt wird, weil seine Haare denen von Jochanaan besonders gleichen. Auch die fünf Juden, deren grotesker Streit vor dem Tanz ebenfalls sehr schön choreographiert war, und die übrigen Festgäste werden von Salome, die sich schließlich Jochanaans liegen gebliebenen Umhang über die Schultern legt, zum Tanzen gebracht. Lediglich Herodias macht nicht mit, versteht ebenfalls noch nicht, was ihre Tochter will, und deutet ihr Verhalten als Überlaufen zu ihrem Mann. Größer kann das Entsetzen aller – außer Herodias - aber nicht sein, als Salome ihre wahre Absicht verkündet. Herodias versteht dies dann wiederum sofort, trinkt nach der Hinrichtung auch von Jochanaans Blut und beschmiert damit die Brust des muskelbepackten Henkers.


Auch ihre Beziehung zu Herodes wird klar akzentuiert: nur in angstbesetzten Momenten halten sie noch zusammen, ansonsten sind sie bis zur körperliche Gewalt zerstritten.
Der Schluss ist überraschend und nicht ganz unproblematisch. Während sich auf der hinteren Wand ein roter Neonstreifen wie ein Menetekel bildet, wird auf die ganz dunkel gewordene Bühne plötzlich ein Riesenscheinwerfer getragen, der auch ins Publikum leuchtet und in Sekundenbruchteilen Salomes Hinrichtung zeigt. Dies erscheint mir etwas anachronistisch, zumal die meistens Kostüme (Tatjana Ivchina) auf die Zeit des tatsächlichen Geschehens hinweisen und die neueren Kostüme einiger Festgäste den Anspruch der Zeitlosigkeit nicht ganz erfüllen können.


Das Orchester folgte dem Dirigenten des Abends, Ari Rasilainen, präzise, die Zusammenarbeit in der Probenphase hat den Musikern offensichtlich gefallen. Lediglich zu Beginn des Salome-Auftritts mussten sich Sängerin und Orchester lautstärkemäßig aufeinander einstellen. Das ging aber ganz schnell und fast unmerklich, und danach klappte die Zusammenarbeit hervorragend; dass die SängerInnen sich vom Orchester getragen und unterstützt fühlten, zeigten einige, indem sie sich schon beim ersten Applaus beim Orchester bedankten.


Cristina Baggio zeigte sich in jeder Hinsicht als ausdrucksvolle Sängerin, Darstellerin, Tänzerin ihrer schwierigen Aufgabe gewachsen. Michael Hendrick und Dubravka Musovic brillierten als zerstrittenes Ehepaar Herodes und Herodias. Thomas Gazheli als Jochanaan, der schon in der Matinée-Veranstaltung und vorher als Amfortas das Publikum mit seiner voluminösen Stimme beeindruckt hatte, füllte damit auch diesmal das gesamte Opernhaus, selbst wenn er gar nicht auf der Bühne war. Auch Emilio Pons als Narraboth und die übrigen Darsteller der kleineren Rolle erfüllten sowohl sängerisch als auch darstellerisch ihre Rollen gut aus.


Weil zur Zeit für die Nachfolge Kamiokas nicht nur ein neuer Opernintendant, sondern auch ein neuer GMD gesucht wird, dirigieren außer Ari Rasilainen, der auch für die Einstudierung verantwortlich zeichnete, fünf weitere Kandidaten jeweils eine der nach der Premiere noch folgenden fünf Vorstellungen: Am 19.4. Johannes Pell, am 26.4. Lutz Rademacher, am 8.5. Ivan Törzs, am 17.5. Aleksandar Markovic und am 30.5. Kwame Ryan. Man darf gespannt sein, ob einer von ihnen das Rennen machen wird.

Fritz Gerwinn 19.4.2015

Weitere Termine: 26. April, 8., 17., 30. Mai 2015

Fritz Gerwinn, Deianira das Kulturportal
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